hier ist die Zusammenfassung von meine rgesamten Reise. Ich werde versuchen, die fehlenden Einzelteile Kunduz 2, Kabul 2 udn Maser-e-Sharif zu vervollständigen, es ist aber sehr gut möglich, daß dies erst nach meiner Rückkehr passiert.
ich warne direkt am Anfang vor: wer von mir einen Reisebericht mit der schönen Beschreibung der Landschaften und der Kultur erwartet, wird leider enttäuscht: ich habe gar nicht soviel von der Landschaft und der der Kultur in Afghanistan mitbekommen, sondern habe meine Zeit ausschließlich in ISAF-Lagern in Afghanistan verbracht, wo ich meistens mit den Deutschen Soldaten zu tun hatte.
Aber erstmal wie es alles anfing: ich fange meine Geschichten gerne bei Adam und Eva an, also mache ich es auch diesmal. Vor ca. 2 Jahren nahm ich mal an einem Accessment Center für ein Praktikum bei Procter and Gamble teil und da hat mir der Betreuer eine Frage gestellt: Wie flexibel sind Sie? Ohne viel nachzudenken sagte ich damals: Sehr flexibel, machen Sie mir morgen ein Jobangebot für Afghanistan, wenn es gut bezahlt wird und mir eine gute Perspektive fürs Lebenslauf bittet, sage ich direkt zu. Damals sagte ich es, ohne wirklich viel darüber nachzudenken.
Jetzt springen wir zum 14. April 2011: ich wollte ein Auslandspraktikum in Prag machen, leider hatte meine Firma am Ende doch keine Plätze dort. Enttäuscht bin ich übers Wochenende heimgefahren und kam am 14. abends zurück nach Karlsruhe. Kurz vor der Ankunft las ich die SMS von Thilo Mönicke, ob ich nicht in die Zwiebel auf ein Bier vorbeikommen möchte. Da die Zwiebel nur 5 Meter von meiner WG weg war, konnte ich es mir natürlich nicht entgehen lassen. Da hat er mir auch erzählt, dass er für EADS Astrium für ca. 3 Monate nach Afghanistan geht. Nach zwei-drei Bier habe ich zum Spaß gesagt: ich will es auch. Am nächsten Tag wache ich auf, lese meine Mails und sehe auf einmal eine Mail von Thilo an seinen Chef mit mir in Kopie: „Ich kenne da einen, der auch nach Afghanistan möchte“. Ich habe dieser Mail nicht viel Beachtung geschenkt, als ich am gleichen Tag vormittags einen Anruf aus München bekommen habe: „Herr Benderski, ich habe gehört, Sie möchten nach Afghanistan“. Ich habe natürlich alle Details soweit es ging ausgefragt, und die letzte Frage gestellt. „Wann muss ich eine Antwort geben?“-„Bis morgen Abend“, - habe ich als Antwort bekommen. Ich muss ehrlich sagen, ich habe mit der Entscheidung gehadert, aber das Gehalt war zu verlockend, und nachdem meine Eltern keinen Herzinfarkt von dieser Nachricht bekommen haben, habe ich auch zugesagt.
Darauf folgten 3,5 Wochen der Vorbereitungen: Visa anmelden, WG kündigen, Urlaubssemester anmelden, Vertrag unterschreiben, Training für den Job in Frankreich absolvieren, Sachen einkaufen, Medizincheck durchstehen usw.
Dann war alles erledigt: ich war bereit zu einer Reise in ISAF-Lagern Afghanistan immer noch ohne mir wirklich klar zu sein, was ich da machen muss, was mich da auch von Lebensumständen erwartet: ich hörte nur von ein Paar Leuten Geschichten a-la Da fliegen schon mal alle paar Tage Raketen über die Camps, aber ansonsten ist alles Ok.
Und jetzt kurze Beschreibung was wir überhaupt doch machen sollten: die Bundeswehr hat im Rahmen der ISAF-Mission in Afghanistan ca. 5000 Soldaten in Afghanistan und Usbekistan stationiert (da sind es nur 50). Diese sind hauptsächlich in 10 verschiedenen Lagern untergebracht (Usbekistan: Termez, Afghanistan: Maser-e-Sharif, Kunduz, Taloqan, Feyzabad, OP North, Mike Spann, Camp Warehouse, KAIA, Hazrat-e-Sultan). In diesen Lagern brauchen die Soldaten für die private Nutzung auch Telefone, Handys, Internet. Mit dem alten Anbieter dafür war die Bundeswehr nicht zufrieden, also wurde der neue Vertrag dafür an EADS Astrium vergeben, die ab dem 1. Juli alle diese Services in diesen 10 Camps anbieten mussten. Uns wurde gesagt, dass die wichtigen technischen Arbeiten von den französischen Technikern erledigt werden, wir sollten hauptsächlich als Team Facilitator agieren, das heißt als Single Point of Contact , beziehungsweise Ansprechpartner für die Bundeswehr an einzelnen Standorten. Wer sind wir? Vier Deutsche: Lutz, Lars, Thilo und ich. Und im Notfall sollten wir mal bisschen bei der Technik mithelfen. Hört sich ja ganz einfach an.
Dann am 10. Mai ging unsere Reise nach Afghanistan los. Wir flogen mit einer von der Bundeswehr gecharterten Maschine der Usbekistan Airlines nach Termez, um dort in ein Transall der Bundeswehr umzusteigen und nach Maser-e-Sharif zu fliegen. Da dachte ich zum ersten Mal: „Tschüss, deutscher Komfort, hallo karge Landschaft und keine Privatsphäre(wir schliefen im Container mit 16 Leuten)“. Naja, wenn ich damals gewusst hätte, dass Termez noch einer der besten Camps war.
Wir kamen in Maser-e-Sharif an und durften am ersten Tag die Akklimatisierungsrunde laufen: Bettwäsche und Stuben empfangen, Helme und Schutzwesten bekommen usw. Und am Abend hieß es direkt: so, Leute, es geht los, wir verteilen uns auf alle Camps, damit wir die Flüge buchen können. Man muss sagen, dass 3 Camps eher gefährlicheren und ungemütlicheren Ruf hatten: OP North, FOB Hazrat-e-Sultan und Kunduz. Zuerst hieß es für mich Kabul und OP North, dann ist OP North weggefallen. In diesem Moment hat draußen was laut gekracht und die Erde hat gebebt. Es hat sich rausgestellt, dass 2 Raketen auf das Camp abgefeuert wurden, quasi als Bestätigung für alles, was ich vorher über Afghanistan gehört habe. Nichtsdestotrotz durfte ich am nächsten Tag meine Sachen packen, es ging weiter nach Kabul ins Camp Warehouse und in Kabul International Airport (da sind auch Deutsche stationiert). Nachts ging es los und morgens um 6 kam ich in Kabul an. Mir wurde gesagt: „Sie müssen sich keine Sorgen machen, es wird sich um alles gekümmert“. Naja, da stand ich jetzt auf der Rollbahn von Kabul Military Airport (ist wirklich winzig, nur ein kleines Gebäude als Durchgangshalle), habe meine Taschen geholt und die „Ankunftshalle“ verlassen. Ich stand da, habe nur sehr viele Leute in Uniform um mich herum gesehen und wusste auch nicht wie es weitergeht. Da kam der Anruf auf mein Handy und die Jungs vom Transportzug Kabul haben mich abgeholt. Da durfte ich zum ersten Mal in einem Autokonvoi mitfahren. Für mich als Neuling gab es kurze Einweisung: Schutzweste an, Helm auf, mit Anschlägen ist stets zu rechnen, wenn was ist, auf die Bundeswehr hören. Wir sind da auch aus Sicherheitsgründen nicht durch die Hauptstraßen gefahren, sondern durch die Seitengassen. Da dachte ich an Worte von einem Soldaten, den ich davor kennengelernt habe: „Kabul ist wie Mittelalter, nur noch hässlicher und mit Autos und Telefonen“. So kam es mir auch vor. Alle „Strassen“ waren einfach Sandwege, die breit genug zum durchkommen mit unserem „Wolf“ waren (gepanzerter Mercedes G-Klasse). Die Leute haben im Armut gelebt und an der Rändern gebettelt. Manche haben zusammen mit den Familien und Eseln direkt auf den Müllhalden gelebt. Da wir nicht anhalten durften, haben die Kinder, die nichts von uns bekommen haben, teilweise Steine auf unser Auto geworfen und das Auto im vorbeifahren mit Stöcken geschlagen. Nach 30 Minuten waren wir auf Jalalabad Road, der Hauptstraße von Kabul und einer der sehr wenigen gepflasterten Straßen in Kabul (meines Wissens nach gibt es ca. 5 gepflasterte Straßen). Sie hatte sogar eine von 3 Ampeln in Kabul, die aber alle nicht funktionieren. Und da waren wir auch schon nach ein Paar Sicherheitskontrollen durch georgische Armee im Camp Warehouse. Das ist ein relativ großes Camp mit insgesamt ca. 1000 Soldaten von verschiedensten Nationalitäten, unter anderem den Deutschen. Wie in jedem Lager alle in Uniformen, mit Waffen, überall Militärtechnik. Ich wurde auch direkt von drei Personen empfangen, die alle ich mittlerweile zu meinen Freunden zählen darf: der S6(IT)-Abteilung der Bundeswehr in Kabul. Es ging direkt los mit der Arbeit: Bestandsaufnahme, Inventur, Organisation von fehlendem Material, Reports und so weiter. Man muss sagen, dass Camp Warehouse für mich ein perfektes Camp darstellt: es ist groß genug, dass man abends viel machen kann (man hat allein 10 verschiedene Kneipen, Fitnesscenter, viele Betreuungseinrichtungen wo man einen Abend verbringen kann), aber gleichzeitig ist deutscher Kontingent klein genug, so dass man nach 1 Woche jeden kennt. Und da habe ich noch etwas mitbekommen: die Raketen in Maser-e-Sharif waren die ersten dort seit 3 Jahren, Afghanistan ist gar nicht so gefährlich, Autokonvois in Kabul wurden auch seit 1 Jahr nicht mehr gesprengt und in Warehouse ist auch seit 2 Jahren alles still. Beziehungsweise, klar, Afghanistan ist gefährlich, aber nicht wenn man im Lager sitzt oder mit Hubschrauber/Flugzeug fliegt. Was gefährlich ist, ist jegliche Bewegung mit Militärfahrzeugen. Da weiß man wirklich nie genau, ob nicht eine IED (improvised explosive device) unter deinem Auto explodiert, oder ob kein Selbstmordattentäter in dich reinfährt. Da habe ich auch erfahren, dass nicht alle Afghanen (Locals, wie man die nennt) zu Taliban gehören. Es gab Wasi und Essa, die in der deutschen Bar Wolfshöhle ausgeholfen haben. Man konnte mit denen die gleichen Gespräche führen wie mit den deutschen Soldaten, nur paar Themen waren anders. So konnte man natürlich nicht über Alkohol sprechen oder ein Paar afghanische Gepflogenheiten, vor allem in Hygienebereich, die für die Europäer barbarisch erscheinen. Und die Afghanen haben eine spezielle Sichtweise zu ihrem Land: erstens sagen sie, dass die Welt Afghanistan dankbar sein soll, da nur durch die Niederlage der Sowjets in Afghanistan der Zerfall der Sowjetunion möglich geworden ist. Und die sind noch stolzer drauf, die Briten vor 140 Jahren besiegt zu haben. Ein afghanischer Übersetzer, der mit in das englische Camp Souter gefahren ist, hat sich strikt geweigert, auszusteigen, da die Engländer immer noch „Feinde“ waren. Gleichzeitig sind die Afghanen nicht alle so ungebildet und wild, wie man es sich vorstellt: im KAIA hat einer als Putzmann gearbeitet. Es kam ein Hauptmann rein und wollte eine Postkarte nach Hause schicken und er wollte etwas auf Dari auf seiner Karte stehen haben. Als er den Afghanen gefragt hat, ob er überhaupt schreiben könne, hat es sich rausgestellt, dass dieser Putzmann insgesamt 7 Sprachen perfekt beherrscht, darunter Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Insgesamt hatte ich sehr schöne drei Wochen in Kabul, vor allem als unsere zwei Franzosen, Patrick und Sebastien, angekommen sind, und obwohl sie kein englisch konnten, haben wir uns doch sehr gut verständigen können und haben ein harmonisches Team gebildet.
An dieser Stelle möchte ich auch von einer Episode in Kabul erzählen: die Tasche mit wichtigen Materialien von einem der Franzosen wurde am Flughafen Delhi vergessen. Als sie am Kabuler Flughafen ankam, konnten wir sie nicht abholen, also kam mein Projektleiter auf die Idee, dass der Mitarbeiter der Air India sich einfach ins Taxi reinsetzen soll und diese zum Camp bringen soll. Ich sollte sie auch abholen. Ich habe der Bundeswehr darüber Bescheid gesagt, die meinten, das sei ungefährlich, ich brauch da keine Begleitung, kann allein hin. Das Problem war, dass der Taxifahrer Angst vor georgischen Soldaten hatte und 300 Meter weit vom Camp auf dieser Jalalabad Road angehalten ist. Da er auch keine Zeit zum Warten hatte, also ich mir keine Bundeswehrhilfe anfordern durfte, habe ich die Schutzweste angezogen und bin zu ihm raus. Ich habe ihm das Geld bezahlt und bin mit der Tasche zurück, als mich in dem Moment einige afghanische Kinder gesehen haben. Für sie war ein Zivilist allein draußen zu Fuß, ohne Waffen und mit Geld dazu, ein perfektes Opfer. Sie kamen angerannt und fingen an zu betteln. Als ich denen mit „No money“ geantwortet habe, wollten sie mir alles aus den Taschen klauen, worauf ich alles einfach in die Hände genommen habe und weiter zum Haupttor des Lagers gelaufen bin. Nach 10 Metern habe ich mich umgedreht und da kamen die gleichen Kinder mit Stöcken und Steinen angerannt und fingen an auf meine Tasche draufzuschlagen. Als das nichts gebracht hat, wollten sie auch auf mich los, als die georgischen Soldaten am Tor die verjagt haben. Es hört sich lustig an, aber wenn man bedenkt, dass ich alleine draußen war und es 10-15 Kinder waren, war es ein kleiner Schock für mich.
Übrigens, wenn man denkt, dass man im Afghanistan kein Alkohol bekommt, dann irrt man sich. In Kabul hatten wir eine Portugiesenbar, wo man alle Standardgetränke bekam, die man aus Deutschland kannte, von Whiskey zum Bier. Da haben sich auch alle immer donnerstagabends versammelt, denn das, was in Deutschland Sonntag ist, ist im Einsatz (Bundeswehrbezeichnung für Dienst im Ausland) der Freitag. Da hat man immer bis 13 Uhr Baseday und alle schlafen aus.
Irgendwann mal hieß es, ich solle zurück nach MES (Maser-e-Sharif). Ich war irgendwie traurig die schon liebgewonnene Umgebung in Kabul zu verlassen , aber auch froh, nie wieder Autokonvois zu haben, bei denen es hieß: „Konkrete Anschlagswarnungen, Sicherheitslage hoch bis signifikant“.
Und so bin ich in MES gelandet, wo ich wieder auf Thilo traf. Vorbei waren die Zeiten der Organisation: wir sollten zuzweit nach FOB (Forwarded Operation Base) Hazrat-e-Sultan, um dort alles zuzweit aufzubauen. Und wie kommen wir hin? Natürlich mit 2 Stunden Autokonvoi.
Man muss sagen, die Landschaft auf der Fahrt nach Hazrat war wirklich wunderschön. Und jetzt kurz etwas zum Hazrat: Das Camp war sehr jung, es bestand überhaupt erst seit 7 Wochen, es waren nur 80 deutsche Soldaten da, alle deutschen Camps mindestens 2 Stunden Autofahrt entfernt. Als einziges hatte man noch ein Camp der Afghanischen Nationalen Armee (ANA) mit 800 Soldaten in der Nähe, wo man nicht wusste, ob man sich darüber freuen soll oder eher traurig sein soll. In der letzten Zeit haben die Soldaten der ANA öfter in Amokläufen einige ISAF-Soldaten umgebracht. Außerdem hatte die ANA eine unangenehme Eigenschaft: die übten gerne Schießen spät am Abend und haben immer vergessen, den Deutschen Bescheid zu geben. Also jeden Abend hörte man Maschinengewehre-, Mörser- oder Raketenschüsse und wusste nie, ob es wirklich die ANA war, oder doch Taliban. So hatten wir einmal abends einen Alarm, als die ANA eine besonders laute Illuminationsrakete abgeschossen hat. Ansonsten kann man Folgendes zu Hazrat erzählen: um 18 Uhr war Schluss mit allen Arbeiten, man durfte auch nur rotes Licht anmachen, um nicht vom Feind gesehen zu werden. Man hatte auch nichts zu tun, keine Bar, Kneipe oder ähnliches, wo man sich hinsetzen konnte. Wenn man den Marketender erwischt hat und er noch Bier übrig hatte, konnte man wenigstens 2 Dosen Bier kaufen (alle Angehörige der deutschen Kräfte dürfen offiziell nicht mehr als 2 Dosen Bier pro Abend trinken, es wird aber vom Standort zu Standort verschieden interpretiert). Man musste auch seine Wäsche zum waschen nach MES senden und hoffen, dass es irgendwann ankommt. Als ich gefragt habe, ob eine Woche realistisch sei, um die Wache zurückzubekommen, bekam ich nur „Inchallah“ („Wie Gott es will“) als Antwort drauf. Essen gab es aus der Feldküche, dafür war es aber erstaunlicherweise gut. Von 80 Soldaten dürfte jeder alle 4 Tage 12 Stunden Wache schieben, da überall um Camp herum Berge waren und keiner wusste was dahinter war. Und ansonsten waren wir in Hazrat sehr willkommen: die haben erst 2 Tage vor unserer Ankunft Telefon bekommen und haben sich sehr auf Internet gefreut, um Dasein dort bisschen fröhlicher zu gestalten. Insgesamt haben wir in 10 Tagen dort alles aufgebaut (hauptsächlich Thilo, da er technisch doch um Welten begabter als ich ist, ich habe nach meinen Kräften mitgeholfen). Dann hieß es für mich auf einmal: ich soll nach Kunduz gehen, also mal wieder zurück nach MES, Thilo ist noch ein Paar weitere Tage in Hazrat geblieben. Warum eigentlich immer zurück nach MES? MES ist das Hauptlager der deutschen Kräfte in Afghanistan mit insgesamt ca. 5000 Soldaten aller Nationen, und dient als zentraler Umschagsplatz in Nordafghanistan. MES ist wahrscheinlich auch einer der sichersten Orten in Afghanistan und jeder, der schon mal in einem anderen Camp war, sagt, dass MES nur ein Bürokratensumpf ist und nichts mit Krieg in Afghanistan zu tun hat. Die Leute, die nur in MES waren und nie rausgefahren sind, bekommen wirklich gar nichts vom Krieg in Afghanistan mit.
Im Gegensatz dazu steht Kunduz. So wie MES der ruhigste Ort Nordafghanistans ist, ist Kunduz zusammen mit OP North der unruhigste. Wenn man in den Nachrichten wieder von Anschlägen im deutschen Gebiet in Afghanistan hört, handelt es sich meistens um Kunduz oder um Baghlan (Ort in der Nähe von OP North). Also war ich auch gar nicht über die Fahrt nach Kunduz begeistert. Vor allem, als ich nachhgefragt habe, was ich dort genau tun sollte, hieß es zu mir: „Wir kennen den Status dort selber nicht genau, fahren Sie hin, Sie sind dort erstmal allein und Haupttechniker, Organisator und alles in einem, sie müssen am Ort schauen, was dort zu tun ist“. Naja, wenn man bedenkt, dass Kunduz der zweitgrößte deutscher Camp mit 2000 Soldaten als Besetzung hat und ich dort alleine sein sollte und kein geborener Techniker bin, kann man sich vorstellen wie es mir ging. Aber was kann man machen, ich bin mal wieder in das Transall gestiegen und nach Kunduz geflogen. Ich habe mich schon über den Flughafen in Kabul lustig gemacht, aber jede deutsche Scheune ist wahrscheinlich besser als Flughafen Kunduz. Nichtsdestotrotz wurde ich dort abgeholt und es ging direkt mit der Arbeit los. Erst in Kunduz musste ich unter den afghanischen Wetterverhältnissen leiden. Kunduz ist sowieso eins der heißesten Orte in Afghanistan und ich durfte dazu in den Technikräumen mit hoher Luftfeuchtigkeit und ohne Klimaanlage arbeiten. Ich muss ganz ehrlich sagen, in machen Saunas in Deutschland war es gefühlt nicht so heiß wie in diesen Technikräumen. Nichtsdestotrotz kam die Arbeit gut voran und nach 10 Tagen bekam ich auch die Verstärkung: Benoit, einen französischen Techniker, und Lars. Zu Kunduz selber: als Camp war es ganz angenehm dort zu wohnen: wir durften zwar in Zelten schlafen, aber die meisten Soldaten waren in Atrien untergebracht mit Rosengärten in der Mitte, man hatte sogar ein Freibad und Beachvolleyballfelder und einige ganz bequeme Betreuungseinrichtungen. Und im Camp selber hat man nichts von der Gefahr draußen gemerkt, außer den Bildern von Toten vor einzelnen Wohngebäuden. Unser Bundeswehroffizier war zwar auch etwas speziell, aber wenn man sich an ihn gewöhnt hat, konnte man mit ihm auch sehr viel Spaß haben. Aber bald hieß es für mich wieder, ich solle weiter. Diesmal hieß das Ziel wieder Kabul, die hatten ein Paar Probleme mit unserem Internet, ich sollte mir ein Bild davon machen. Es hieß auch für mich, dass ich nach Kabul direkt heimfliegen darf. Ich muss sagen, in Kabul war ich echt überrascht: ich wurde dort genauso begrüßt, wie man mich in Karlsruhe begrüßt hätte: keiner hat mich ausgefragt, wo ich war, wie es mir geht, sondern jeder hat mich so begrüßt, als ob ich nie weg gewesen wäre. Das gibt einem das Gefühl wirklich willkommen zu sein. Ich konnte alle meine Freunde aus Kabul wiedertreffen, ein Paar Angelegenheiten mit vertauschten Schutzweste und ähnlichem klären, und hatte sogar bisschen Zeit um mich zu sonnen. Natürlich wurde nebenbei auch die Arbeit gemacht und ich habe Leuten bei ihren Problemen geholfen. Aber als es weniger wurde, wurde ich wieder nach MES abberufen, um nach Hause zu fliegen. Da mein Flug noch nicht gebucht war, habe ich mich da erstmal von Nichtstun in Internetcafe mit Firmenshirt reingesetzt. Es kamen auf einmal viele Leute mit ihren Anfragen auf mich zu (vorher mussten sie ihre Probleme per Telefon nach Frankreich melden) und es gab auch direkt eine Dankesemail von einem der Soldaten, dem ich geholfen habe. Es hat sich herausgestellt, dass es überhaupt die erste Mail war, in der jemand Danke gesagt hat und unseren Support gelobt hat, also hat man mir angeboten, doch noch bisschen länger zu bleiben. Ich beschloss noch bis zum 27. Juli in Afghanistan zu bleiben und sitze gerade am 23. Juli im Internetcafe in MES und schreibe diesen Bericht und warte gleichzeitig auf weitere Kundschaft.
An dieser Stelle sei noch eine kleine Episode zu der Qualität unserer Supporthotline eingeschoben: morgens habe ich mein Handy vergessen und gemerkt, dass im ganzen Camp kein Internet funktioniert. Ich rief die Hotline an, stellte mich als Mitarbeiter der Firma vor, legte das Problem dar. Die Dame von der Hotline meinte zu mir: „Wir machen ein Ticket dazu auf. Das Problem ist aber bekannt, wir leiten ganze Tickets an unseren Techniker vor Ort weiter, damit er sich darum kümmert“. „ Das kann nicht sein“-antwortete ich. „Warum nicht?“-die Dame. „Weil ICH ihr Techniker vor Ort bin und nichts davon weiß“. In diesem Moment war die Dame perplex und es hat noch eine Minute gedauert bis sie wieder mit mir gesprochen hat.
Es gibt noch etwas weiteres Positives an meinem Rückflug am 27. Juli: ich fliege nach Hause zusammen mit allen meinen Freunden aus Kabul, aus dem Camp, in dem ich meine beste Zeit in Afghanistan verbracht habe. So müssen sie nicht mehr um 3 Uhr nachts aufstehen (meine Abfahrtszeiten zum Flughafen in Kabul waren immer gegen 3 Uhr nachts), um sich von mir zu verabschieden, sondern ich verabschiede mich von denen bei deren Ausstieg in Hannover und fliege selbst weiter nach Köln.
Anschließend möchte ich noch wichtiges Erkenntnis von mir schreiben: als ich nach Afghanistan ging, hieß es, dass die deutsche Bundeswehr nur aus Idioten und Abschaum der Gesellschaft bestehen würde. Ich muss sagen, ich habe es anders erlebt. Ja, es gab ein-zwei Personen, die unter dies Beschreibung passen würden, die meisten von Bundeswehrsoldaten sind aber intelligente, höfliche, kameradschaftliche Menschen, bei denen ich stolz darauf bin, manche von Ihnen als meine Freunde bezeichnen zu dürfen.
Auch zu dem Sinn des Einsatzes in Afghanistan ein Paar Worte: ich halte diesen Einsatz für sehr sinnvoll, und auch einige der Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren tun es. Natürlich gibt es da auch andere Meinungen. Ich werde diese Frage hier nicht weiter politisieren, stehe aber für alle Fragen diesbezüglich gerne für ein privates Gespräch zur Verfügung, indem ich eventuell auch meine persönlichen Erlebnisse einbringen kann.
Grundsätzlich schaue ich auf die letzten 75 Tage in Afghanistan zurück und freue mich über meine damalige Entscheidung, hierhin zu kommen. Das ist eine einzigartige Erfahrung, die man nicht bei einem Auslandssemester in Prag oder Sydney bekommen kann. Ich selber würde von mir behaupten, dass ich in diesen 2,5 Monaten hier mindestens 2,5 Jahre erwachsener geworden bin. Ich möchte diese Erfahrung nicht missen und würde es jedem raten, wenn er solch eine Chance bekommen sollte, diese auch zu nutzen. Gleichzeitig muss ich auch sagen, dass ich nach 2,5 Monaten hier erstmal genug habe, und nicht weiß, ob ich bei einem Angebot, noch mal für 2,5 Monaten etwas Ähnliches zu machen, zu- oder absagen würde. Es gibt hier ein Paar Einschränkungen, die einem die Zeit hier doch schwerer gestalten: keinerlei Privatsphäre, wenig bis gar kein Kontakt zu dem gewohnten Kreis zuhause, und das schlimmste ist die totale Langeweile, wenn man mal Freizeit hat. Vor allem die Freizeit und die Routine machen einen hier wirklich fertig. Wenn man viel arbeiten muß, geht es einem hier deutlich besser, als wenn man viel Zeit hat, denn diese Zeit kann man schlecht für etwas Sinnvolles nutzen.
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