Montag, 4. Juli 2011

Kunduz


Hier ist der Report von meinem bis jetzt längsten Aufenthalt. Ich sitze hier in Kunduz und denke nach. Heute war ein komischer Tag. Ich bin mal wieder ganz spontan zu einer Entscheidung gekommen, die mal wieder meinen nächsten Lebensabschnitt immens Beeinflüssen kann: nach der Rückkehr nach Deutschland möchte ich selbständig werden. Alles genaueres dazu kommt wenn ich in Deutschland bin und das mit meinem Partner genauer besprochen habe, habe aber schon bei EnBW Bescheid gegeben, dass ich wohl nicht zu denen zurückkommen werde. Keine Ahnung noch wie diese Entscheidung sich auswirken wird, aber ich bin jetzt schon gespannt drauf. Übrigens, ich habe nicht vor, mein Studium aufzugeben und ein Startup von zwei Studienabbrechern zu gründen. Ich mache meinen Abschluss schon fertig und er kriegt seinen Bachelor auch hoffentlich mal hin.
Und jetzt mal Bericht erst mal zum Tag und dann zum Allgemeinen:
Naja, heute um 7 haben wir angefangen ein Kabel zu legen zu den Jungs, die ich nicht sehen durfte. Habe auch nur deren Waffen gesehen und man muss sagen, die sind schon ganz anders als die Waffen der Standardsoldaten. Naja, das Kabel wurde nach 3 Stunden und 30 Kabelschächten zuviert gelegt. Dabei hatten Sven und ich das Vergnügen in den meisten Schächten rumzukrabbeln. Sven hat dabei eine Spinne gesehen, die größer war als alles , was er sich über die Spinnen vorstellen konnte und ich stand die ganze Zeit in einer Flüssigkeit, von der ich mir einrede, dass es Grundwasser war. Danach war für uns erst mal direkt duschen und Klamotten wechseln angesagt und 60 Minuten Pause. Danach kam auch schon der Mittag und meine „Lieblingsaufgabe“: Accesspoints einrichten und anbringen.  Um 3 war ich mit Deutschland verabredet, da ich eine Anlage updaten musste und das Update tat nicht das, was wir wollten. Natürlich war aber in De bis halb 5 keiner erreichbar. Als ich dann doch jemanden erreicht habe, hieß es dass ein anderer sich remote auf die Anlage anmelden wird und ich weiter warten soll. Nach einer Stunde wo nichts geschah, fragte ich nach dem Status nach und mir wurde gesagt, ich bekomme irgendwann mal ne SMS. Also bin ich weiter Accesspoints einrichten gegangen. In dem Moment bekam ich einen Anruf, ich soll unser Handynetz testen, dass grottenschlecht funktioniert. Nach 40 Minuten testen wurde ich in die Freiheit entlassen und bekam auch ne SMS, dass ich mit der Anlage morgen weitermachen soll. Danach kam auch unsere tägliche Besprechung, in der Benoit seinen Abflug um 3 Uhr nachts bestätigt bekommen hat. Bin neidig auf ihn, übermorgen ist er zuhause. Danach wurde ich zum Grillen eingeladen von den Jungs von der Anlage, hatte aber vorher Abendessen, also war nichts mit grillen.  Danach ging meine Telefonierrunde los, habe versucht mal paar Leute zu erreichen. Bei manchen hat es besser geklappt, bei manchen schlechter. Danach dachte ich darüber nach, Sport zu machen, hatte gestern aber erst 15 km auf Rudergerät gemacht, wollte meinem Körper Pause bis morgen geben, morgen früh geht es los, muss da 20 km schaffen. Morgen früh ist hier Baseday, das heißt das Leben hier steht still bis 13 Uhr. Also beschloss ich auch, mir Zeit zu nehmen um mein Blog upzudaten.

Naja, das war die Geschichte von heute, und jetzt allgemein was zu Kunduz.
PRT Kunduz ist das Lager, wo am meisten passiert von den deutschen Lagern. Das Lager selbst ist aber relativ ruhig. Was erstaunlich ruhig ist, dass es für das Lager dieser Größe hier von Infrastruktur her gar nicht soviel los ist. Es gibt eine riesengroße Küche mit einem anständigem essen abends und einem essen um den Magen vollzumachen morgens und mittags. Es gibt auch eine kleine Wäscherei und ein Laden, in den man abends hin kann. Es gibt ein paar andere solche Betreuungszelte, die sind aber nur für einzelne Einheiten. Kunduz ist auch das einzige Lager , dass kein Containersystem hat. Stattdessen wohnen hier die meisten in „Atrien“, normalen Häusern aus Stein, mit Garten in der Mitte. Und der Rest, für den es keinen Platz in Atrien gibt, wohnt in zelten, so wie wir. Wer sind wir? Erstmal sind es von meiner Firma Lars, Benoit und ich, wobei Benoit heute nacht wegfliegt und Lars auch vor mir weg ist. Ansonsten waren hier eine Zeit lang 7 Jungs von BW unterwegs um uns mit solchen Arbeiten wie Kabel legen usw zu unterstützen, mittlerweile sind es nur noch Sven und Jens. Ich muß sagen, je weniger Leute hier bleiben, desto besser kommen wir miteinander klar. Ja, ich soll angeblich bis zum 17. hier bleiben, obwohl ich keine Ahnung habe, was ich hier bis zum 17. tun soll. Naja, dann werde ich wohl am Kunduz Beach liegen und braun , bzw rot werden. Kunduz Beach ist der Schwimmbad hier, habe aber leider keien Badehose da, also schwimmen ist nicht drin. Wie Hannes gemeint hat, „kauf dir doch welche“. Naja, das ist so ein kleines Problem hier: kaufen kann man nur beim Verticker und sein Sortiment besteht aus Cola, Fanta, Sprite, O-Saft, paar Parfüms, Paar Uhren, paar Snacks und Duschzeug, Zahnpasta usw. Klamotten hat der leider keine. Naja, morgen ist hier Afghanenmarkt im Lager, vl haben die ja Badehosen. Ansonsten war Kunduz gewöhnungsbedürftig. Habe ja von Kriegsgeräuschen nicht soviel mitbekommen bis jetzt, außer bisschen in Hazrat. Her in Kunduz gibt es aber Drohnen und Artillerie. Und die Drohnen werde regelmäßig gestartet und Artillerie schießt auch öfter aus welchen Gründen auch immer, meistens nachts. So ein Artillerieschuss auch aus 500 m Entfernung ist verdammt laut und die Erde bebt ordentlich. Als ich das erste mal das mitbekam war ich in unserem Container, ca 30 m Luftlinie von der Artillerie und wusste es net. Die steht hinter extra Mauer und wenn man es net weiß, hat man keine Ahnung dass sie da ist). Auf einmal kracht es und der ganze Container wackelt. Ich dachte Taliban hat das Lager beschossen und direkten Treffer in der Nähe gelandet und rannte in Panik aus meinem Container raus bis ich irgendwo Leute gesehen habe, die mich aufgeklärt haben. Mittlerweile bin ich so daran gewöhnt, dass ich auch unter Artilleirekanonnade nachts einschlafen kann. Wie einer sagte, man gewöhnt sich an alles. 2008 wurde das Lager wohl öfter beschossen, da sind die Leute bei Beschüssen net mal aufgestanden, so sehr hat man sich an das alles gewöhnt gehabt. Ansonsten komme ich mit allem hier relativ gut klar, nur bald erwischt mich wohl die schlimmste Krankheit hier: zuviel Freizeit. Wenn man keinerlei Privatsphäre hat und keine Unterhaltungsmöglichkeiten ist zuviel Freizeit gar nicht gut, sondern eher schlecht. Man denkt zuviel nach und weiß nicht mehr, was man gegen Langeweile tun soll. Sport? Ok, geht 2 Stunden am tag. Internet? Nach 1 Stunde hat man keine Lust mehr. Telefonieren? Mach ich jeden Tag ne halbe Stunde-Stunde. Ihr seht, es ist immer noch sehr viel Zeit übrig. Und wenn man keine Arbeit hat, ist es echt schlimm, diese Zeit irgendwie zu töten. Na ja, ist ja nur noch maximal 1 Monat übrig, danach ist es vorbei und ich komme mit viel Geld heim. Bin mir gerade auch am überlegen, was ich damit alles anstellen werde: erst mal Motorradführerschein und Motorrad, danach Reise zu meiner Schwester, danach im Januar vl Reise nach Australien für 4 Wochen. Und nach meinem Studium mein Traum erfüllen: 3 Monate backpacking Südamerika, natürlich auch ein paar kleine neue Spielzeuge und eine komplette neue Einrichtung für mein neues WG-Zimmer sobald ich eins habeJ
Habe mir sogar ein paar mal überlegt, alles früher abzubrechen wegen Langeweile, aber es wird durchgezogen. Ich kann nur sagen, die Zeit hier ändert einen. Ich würde sagen, ich kam hier als ein Junge, der grün hinter den Ohren war und dachte, er wisse alles. Ich gehe weg mit dem Wissen, dass ich immer noch grün hinter den Ohren bin, aber dass ich nicht alles auf der Welt besser weiß. Ich würde sagen, ich bin hier erwachsen gewesen, da man sich hier mit ein Paar Fragen auseinandersetzen muss, die man als Standard Student in Deutschland sich nicht stellt. Sei es die reale Möglichkeit, umzukommen. Sei es die Frage, was einem in Deutschland überhaupt so wichtig ist, warum es dort besser ist als hier. Oder was einem in Deutschland fehlt, um das Leben hier erträglicher zu machen. Oder sei es auch die Frage, ob es nicht einfacher ist, solche Jobs zu einem Beruf zu machen. (meine Antwort darauf ist nein). Oder was mir hier von vielen geraten wurde, nach dem Studium zu Bundeswehr zu gehen und dort wahrscheinlich in IT-Abteilung direkt als Offizier im Rang eines Oberleutnants oder Majors einzusteigen (auch darauf ist die Antwort klares NEIN). Aber was man hier auch schätzen lernt, sind die Freundschaften. Man muss sagen, hier erlebt man Freundschaften viel intensiver. Man erlebt Freundschaften in Deutschland intensiver aber auch die Freundschaften, die man hier schließt. Hier ist es etwas anderes. Man weiß, dass wenn was passieren soll, kann ich nur auf diese Jungs zählen und hoffen, dass sie mein Leben verteidigen können. Wir wissen hier alle, dass wenn man gerade mit einem redet, kann theoretisch eine Rakete kommen und uns zusammen erwischen, oder auch nur einen von uns, oder keinen. Außerdem der Unterschied zu Deutschland ist einfach: wenn man dort keine Lust auf einen hat, kann man dem mal paar Tage aus dem Weg gehen. Hier geht es nicht. Entweder hängt man jeden Tag hier zusammen rum oder gar nicht. Etwas dazwischen gibt es eigentlich nicht.
So, genug geschrieben erst mal, jetzt schlafen gehen. Werde mal die Tage schreiben, wie eigentlich unsere Arbeit hier aussieht.

1 Kommentar:

  1. Heeeeeeeey Jeff, uns ist es endlich geglückt eine Postadresse zu erhalten um das Päckchen, das hier auf dich wartet endlich zu versenden. Aber Thilo meinte, die Sache wäre hoffnungslos und vor allem: du kommst schon bald zurück! Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Nun gut, wir freuen uns dich am 20. August hier im Saarland begrüßen zu dürfen (ich habe gelernt, wenn ich dir einen Termin gebe, klappt es auch;)...), um dir dein Paket persönlich zu überreichen ;). Hoffen dir geht es gut und du bist glücklich über dein "abenteuerextreme" und deine anstehende Heimkehr. Deine Berichte sind schön zu lesen und trotz ner ernsten Sache gibts viel zu Lachen in deinen Zeilen. Jeff halt ;)

    Lieber Jeff, wir haben dich lieb :)) Deine Janine mit Alain

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